Winter stoppt Flüchtlinge

„Einmal Durchschnaufen“, hieß es bei der Tageszeitung „Österreich“ vergangenen Freitag. Tolle Neuigkeiten, Leute, die Flüchtlingskrise ist vorbei. Super, nicht? Natürlich nicht. Sie ist keineswegs vorbei. Die netten Redakteure des Blattes lassen aber diesen Anschein wirken. Mit den Schlagzeilen „Gestern kam kein Einziger“ und „Winter stoppt Flüchtlinge“ bedient sich die Redaktion der uraltesten Technik, das menschliche Interesse und die Neugier mit reißerischen Aussagen an sich zu ziehen. Verständlich, denn heutzutage kämpft man ja auf einem heiß umkämpften Markt um jeden einzelnen Leser und jede einzelne Leserin. Was jedoch hier angerichtet wurde, geht über all jenes, was ich noch als verkraftbar empfinde.

„Ende in Sicht?“

Der Journalist Herr Wendl berichtet von leeren Anlaufstellen und Grenzlagern. Die UNHCR-Sprecherin Melita Sunjic erklärt sich dies ganz einfach: die Überquerung der Seeroute ist bei so einem Wetter einfach zu riskant. Nachvollziehbar, nicht? Für Herr Wendl anscheinend noch nicht, denn der schreib noch immer von einem „Ende in Sicht“. Laut seinen Angaben wurden zuletzt 145 neue Flüchtlinge auf den griechischen Inseln aufgenommen, „Anfang November waren noch 4.500 pro Tag gekommen!“. Der Herr scheint sehr schockiert zu sein, was sein Rufzeichen deutlich macht. Die UNHCR-Sprecherin hatte jedoch eben noch erwähnt, dass dies auf die Wetterbedingungen zurück zu führen ist.

Der Grund für die Flucht – der Krieg in Syrien und im Irak – ist ja nicht weg.

Melita Sunjic, UNHCR-Sprecherin

Alleine die Tatsache, dass sie das so erklären muss, lässt mich am tatsächlichen Wissen der Redaktion, beziehungsweise des Redakteurs, leicht zweifeln. Jeder Mensch, der bei hellem Verstand ist, sieht ein, dass der Konflikt nicht einfach von dem einen Tag auf den anderen verschwindet, sich in Luft auflöst.

Anbei findet man eine Infobox über die Flüchtlingsbilanz an den Grenzen. „Spielfeld: Null Flüchtlinge“, „Radkersburg: Null Flüchtlinge“. Schön und gut, denkt man sich da vielleicht. Nur ein Satz in diesem ganzen Artikel stellt sich für mich in den Vordergrund. Der Krieg ist ja nicht weg. Wenn es also Krieg gibt, gibt es auch Flüchtlinge. Die Grenzlager sind aber leer, kein Einziger kam, das ist ja toll. Ist es das? Wo sind dann diese Flüchtlinge? Sie sind in den Erstaufnahmelagern rund um Syrien. Ein Bild davon, wie es dort aussieht, sollte man sich selbst machen können. Der Winter stoppt die Flüchtlinge nicht, Herr Wendl, er hält sie nur davon ab, in Sicherheit zu kommen. Ich hoffe Sie erschrecken nicht, wenn zum Frühlingsanbruch der Strom an Menschen wieder vor unseren Grenzen steht.

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